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2.2 Und Jesus?
Das entscheidende hermeneutische Prinzip der Urchristenheit war der Blick auf
Jesus Christus. Seine Person und seine Schriftauslegung galten als normativ. Jesus
ist der einzige maßgebende Lehrer: „Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen
lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus“ (Mt 23,10). Das junge Christentum
war dementsprechend die einzige Strömung im Judentum, das kein Rabbinat
entwickelte. Das NT unterscheidet sich in diesem Punkt auffällig vom Talmud.
Jesus Christus verbürgt und ist die Wahrheit in seiner Person. „Christus hat sich
die Wahrheit genannt, nicht die Gewohnheit.“ (Tertullian, De virginibus velandis,
I,1). Aber auch innerhalb der Linien, die Jesus vorgegeben hat, ist oft ein großer
Spielraum der Auslegung möglich.

Wie ist es bei unserem Thema? Jesus schweigt in den Evangelien zur Homosexualität.
Schlüsse und Argumentationen aus dem Schweigen sind freilich immer
mit Vorsicht zu genießen. Wenn man sie hier dennoch versuchen will, dann
spricht Jesu Schweigen sehr stark für seine Übereinstimmung mit der durchgängig
ablehnenden Haltung des Judentums neutestamentlicher Zeit gegenüber der
Homosexualität. Das für seine Zeitgenossen anstößige Verhalten Jesu gegenüber
Zöllnern und Prostituierten hat ja deutliche Wellen geschlagen. Und analog
dazu gilt: „Wenn Jesus sich von der ablehnenden Haltung des Judentums zur
Homosexualität unterschieden hätte, wäre das ein solcher Skandal gewesen, dass
das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ebenfalls seinen Niederschlag
in den Evangelien gefunden hätte.“(58) Ein „Schöpfungstheologe“ war Jesus ohne
Frage auch. Bei ihm finden sich mehrfach Verweise auf den ursprünglichen
Schöpfungswillen Gottes. Wie sollte er da anders über Homosexualität denken als
„gegen die Schöpfung gerichtet“? Zudem ist die Vorstellung falsch, das AT hätte
durch das NT seine Relevanz verloren oder hätte nur in den Fragen Gültigkeit, die
im NT noch einmal bestätigend behandelt werden. Das AT besitzt vielmehr einen
bleibenden Sinnüberschuss, ein „Plus“ gegenüber dem NT.(59) Die Schöpfungslehre
in ihrer Konsequenz für den Umgang mit den Tieren z.B. entnehmen wir allein
dem AT. Das erste Testament (AT) ist teilweise also Gottes-Botschaft, „die im
Zweiten Testament nicht oder so nicht enthalten ist. Wir Christen sollen unser
Erstes Testament als unverzichtbaren und kostbaren Teil unserer Bibel hören und
lesen, der eine Lebenshilfe anbietet, die uns so nicht im Neuen Testament begegnet.
[…] Ist das Zweite Testament das Buch von Christus, so ist das Erste Testament
das Buch von Gott, der Welt und den Menschen.“(60)

Für Juden musste Jesus zu den bewertenden Aussagen zur Homosexualität im AT
nichts hinzuzufügen. Paulus hatte es da mit einem ganz anderen „Publikum“ zu tun
und äußert sich deshalb explizit. Zum Umgang mit dem homosexuellen Menschen
fügt Jesus jedoch implizit etwas ganz Wesentliches hinzu: Seine Begegnung mit der
Ehebrecherin lässt sich auch auf Menschen mit homosexueller Praxis übertragen:
Jesus verurteilt sie nicht, obwohl zu seiner Zeit das Urteil klar und eindeutig
gewesen wäre. Er vergibt und sagt: „Geh hin und sündige von nun an nicht mehr!“


 

(58) Heinzpeter Hempelmann, Liebt Gott Schwule und Lesben? Gesichtspunkte für die Diskussion über
Bibel und Homosexualität, Wuppertal 2001, S. 26
(59) Siehe dazu: Zenger, E., Das erste Testament, Düsseldorf 1991; Ders., „Exegese des Alten Testaments
im Spannungsfeld von Judentum und Christentum,“ ThRev 98 (2002), S. 357-366; Haag, H.,
Das Plus des Alten Testaments, in: Das Buch des Bundes, Düsseldorf 1980, S. 289-305
(60) Erich Zenger, Thesen zu einer Hermeneutik des Ersten Testamentes nach Auschwitz, in: Christoph
Dohmen, Thomas Söding (Hrsg.), Eine Bibel – zwei Testamente, Paderborn, 1995, S. 156f

   

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